


Von Wunderwerken und Teufelszeug
Von Johannes Fellmann

Foto © Jörg F. Müller
Seit 500 Jahren lagert in der Bibliothek der St. Nicolaikirche in Döbeln bedeutende theologische Literatur, darunter wertvolle Inkunabeln. In einem KEK-Modellprojekt wurde der Bestand für die Zukunft bewahrt.
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Viele der ältesten Bücher kamen 1501 durch das testamentarische Vermächtnis Nicolaus Wildes nach St. Nicolai. Auch der Fürstlich Sächsische Hofprediger Martin Corberius, der aus Döbeln stammte, stiftete 1525 seine Bibliothek mit rund 90 Bänden. Ihm folgend hinterließen etliche Geistliche der Kirche ihre Büchersammlungen. Theologische Literatur wie Bibeln und Kommentare, antike Klassiker von Herodot und Thukydides sowie neun Bände einer Cicero-Ausgabe bilden den Hauptteil der Bibliothek. Das älteste Buch in deutscher Sprache ist der Deutsch Catechismus von Martin Luther, 1529 in zwei Exemplaren in Wittenberg gedruckt.
Bis zu 500 Jahre alt sind die teilweise etliche Kilo schweren Bücher, die hier die Zeiten überdauerten. Zwar hat man schon vor einigen Jahrzehnten den Holzwurm, der sich durch Regale und Bücher fraß, mit einer Begasung stoppen können. Doch von den 25 Inkunabeln, aufwendig gestalteten Bänden aus der Frühzeit des Buchdrucks, sind einige besonders gefährdet und müssen dringend gesichert werden. Buchrücken sind eingerissen, eiserne Schließen müssen restauriert werden.
Im KEK-Modellprojekt werden nicht nur die Inkunabeln, sondern weitere 75 Bücher trockengereinigt und verpackt. Bei zwei Inkunabeln werden die sich auflösenden Ledereinbände repariert. Eine Notfallbox für eine schnelle Sicherung der wertvollsten Stücke steht schon bereit. Außerdem wird die Schadenserfassung und Einteilung weiterer Bücher in Schadensklassen angegangen.

Foto © Jörg F. Müller
„Ein Stück Geschichte“
Von Dr. Sylvia Mitschke, Benjamin Kirschner und Jamie Dau

Foto © nilo – Agentur für Fotografie
Der kolonialzeitliche Tierhändler und sogenannte „Afrikaforscher“ Josef Menges (1850–1910) hinterließ einen umfangreichen Nachlass. Die Reiss-Engelhorn-Museen (rem) haben die Unterlagen in einem KEK-Modellprojekt gesichert.
Nachdem Jakob Josef Menges zunächst als Bahnbeamter gearbeitet hatte, entwickelte er zunehmend naturwissenschaftliche und ethnologische Interessen. Im Jahr 1873 unternahm er seine erste Reise auf den Afrikanischen Kontinent. Ökologische und ethische Fragen spielten zur Zeit von Menges‘ Wirken eine untergeordnete Rolle. Seine Arbeit war damit Teil eines Systems, das Wildtiere nicht als Lebewesen, sondern primär als Handels- und Ausstellungsobjekte betrachtete. Zudem nutzte Menges als Kolonisator das Machtgefälle zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten aus und eignete sich nicht nur Tiere und Pflanzen an, sondern wohl auch Zeugnisse der materiellen Kultur der jeweiligen Regionen, in denen er aktiv war. Als Geschäftspartner von Carl Hagenbeck war Menges auch in das sogenannte „Anwerben“ von Menschen für Völkerschauen und damit in den Handel mit Menschen involviert.

Foto © Reiss-Engelhorn-Museen
Der Nachlass umfasst eine umfangreiche Korrespondenz – darunter Kopierbücher, Telegramme und Handelsbriefe – sowie mehrere Kladden mit Reise- und Finanznotizen, Tagebücher von Menges‘ Reisen auf dem Afrikanischen Kontinent, Zeitungsfragmente und kleinere Objekte, darunter äthiopische Gemälde. Die Materialien waren stark verschmutzt, mechanisch beschädigt, teilweise von Tintenfraß betroffen und überwiegend als lose Blätter unsachgemäß gelagert, zudem ohne klimatische Kontrolle. Im Mittelpunkt des Projekts stand die umfassende restauratorische Stabilisierung und Reinigung der stark geschädigten Papierbestände.
fünf Wörter für die Gleichberechtigung
Von Stefanie Hentschel

© AddF, Kassel, Sign.: A-FNLP11-0066, Fotograf·in unbekannt
Ohne sie wäre das Grundgesetz nicht das gleiche: Juristin Elisabeth Selbert setzte den Gleichberechtigungsparagrafen durch. Im BKM-Sonderprogramm hat das Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) ihren Nachlass gesichert.
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1948 wurde Selbert als eine von vier Frauen von der SPD für den Parlamentarischen Rat nominiert, die Versammlung, die am 8. Mai 1949 das Grundgesetz verabschieden sollte. Um ihr Anliegen durchzusetzen, startete sie eine Kampagne, wie sie heute auf Social Media stattfinden würde. Frauenverbände und Einzelpersonen schrieben an den Parlamentarischen Rat, Selbert selbst sprach von einem „Trommelfeuer von Petitionen, Resolutionen und Telegrammen“. Auch nach der Verabschiedung des Grundgesetzes kämpfte Selbert weiter für die Gleichberechtigung von Frauen. Im Nachlass finden sich Berge von Notizzetteln, alle bedeckt mit derselben unleserlichen Handschrift und den energischen Unterstreichungen in Rot, Grün und Blau.
Nach Selbert sind heute Straßen, Plätze und Schulen von Berlin bis Buxtehude benannt. In Kassel, im Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF), befindet sich der Nachlass der 1986 verstorbenen Juristin. „Er hat eine rechtssichernde Bedeutung“, sagt die Historikerin Tamara Block: „Einfach dadurch, dass er die Entstehung unseres Grundgesetzes abbildet – also die Entstehung unserer Demokratie.“
„In heutigen Zeiten, in denen die Demokratie immer wieder bedroht wird, ist es ein sehr, sehr wichtiger Aspekt, dass wir hier im Archiv Originale haben.“ “
Tamara Block, Historikerin am Archiv der deutschen Frauenbewegung
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© AddF, Kassel, Sign.: A-F-NLP11-0073, Foto: Eduard Düwel

© AddF, Kassel, Sign.: NL-P-11 ; 00047M09
Mit Werksakten ins Herz der Stadt
Von Manuela Lenzen

Foto © nilo – Agentur für Fotografie
Der „Papierkram“ bei Bauprojekten mag lästig sein. Doch sorgfältig gesammelt, kann er über die Zeit nicht nur zu einer wertvollen historischen Quelle werden. Er kann das Herz einer Stadt bewahren, so wie in Gelsenkirchen.
Das Stadtarchiv, Teil des Instituts für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (ISG), hat von der dortigen Bauordnungsbehörde gut 3.000 Werksakten übernommen. Diese umfassen die Bauanträge Gelsenkirchener Industriebetriebe aus den Jahren 1866 bis 2006: von Zechen, Stahl- und Eisenwerken, Maschinen- und Drahtfabriken, Chemie-, Glas- und Textilbetrieben. Sie bilden einen einzigartigen Dokumentenschatz, der detaillierte Einblicke in die Geschichte der Industriestadt ermöglicht. Die offenen, oft überfüllten Ordner, in denen die Behörde ihre Unterlagen gesammelt hatte, schützen sie allerdings nur schlecht vor Staub und Licht und erschweren die Nutzung. Im KEK-Projekt „140 Jahre Industrie- und Technikgeschichte gesichert“ wurden sie gereinigt, entmetallisiert und schutzverpackt.
Nicht nur die Formate sind eine Herausforderung für die Lagerung und Erhaltung der Dokumente, sondern auch die Vielfalt der Materialien. Es gibt Papiere, dick wie Gewebe, und zartes Pergamentpapier; auch Kunststoffe und Folien sind dabei. Manche der Unterlagen sind im Original erhalten, manche als Lichtpausen. Wie der andere, wie eine Zeichnung für das neue Kesselhaus der Zeche Nordstern, Schacht 2, als Blaupause. Viele der Dokumente sind licht empfindlich, manche brüchig.

Foto © Stadtarchiv Gelsenkirchen, FS 9147
statistik 2025
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Der Originalerhalt ist eine gemeinsame Aufgabe. Deshalb wird die Projektförderung der KEK durch Eigen-, Landes- und Drittmittel ergänzt.
BKM-Sonderprogramm
Im großvolumigen BKM-Sonderprogramm fördert die KEK seit 2017 Mengenverfahren wie Massenentsäuerung, Trockenreinigung oder Schutzverpackung. 2025 wurden insgesamt 53 Projekte umgesetzt.
KEK-Modellprojektförderung
Seit 2010 unterstützt die KEK Vorhaben, die modellhaft, innovativ oder öffentlichkeitswirksam sind. Mit Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Kulturstiftung der Länder werden deutschlandweit ausgewählte Vorhaben unterstützt. 2025 wurden in sechs Kategorien der KEK-Modellprojektförderung insgesamt 34 Projekte umgesetzt.















